Die stille Pandemie

Die Pandemie kam über alle Menschen wie eine Welle, aber leider eine von der man bis heute weder die Stärke noch die Ausmaße kennt und lediglich in der Zwischenzeit weiss, dass man sie ausreiten muss. Aber das ist so leicht gesagt. Nicht alle wissen, wie man auf einer Welle reitet, immer mit dem Kopf über Wasser bleibt und nie Angst bekommt. Und es kann einem an diesem Punkt auch keiner mehr beibringen. Diese Welle muss jeder für sich reiten, so gut es eben geht.
Es wird viel von den Kosten der Pandemie gesprochen. Von den Menschenleben die sie im schlimmsten Fall kostet, von den Kosten für das Gesundheitswesen und natürlich und immer wieder von den Kosten für die Wirtschaft. Wovon in den Medien nicht gesprochen wird, sind die Kosten für die Psyche jedes einzelnen, der diese Welle reiten muss (Galea et. al. 2020: 817f.). Es scheint als ob die Regierung mit ihren Maßnahmen gegen die Pandemie einem einen Zettel ins Meer hinterher wirft, auf dem in schlechten Bildern und in schlechter Sprache erklärt wird, wie man ein Surfbrett zu benutzen hat. Aber man kann ihn kaum auffangen, geschweige denn anwenden, ohne vom Brett zu fallen. Für viele mögen die Maßnahmen dennoch auf eine gute Weise umsetzbar sein. Aber eben nicht für alle.
Ganz schnell hat sich in der Pandemie der Begriff des ‘social distancing’ etabliert. Gemeint war ein physischer Abstand zu unseren Mitmenschen. Viren bleiben in der Luft stehen und Covid19 wird über Aerosole übertragen. Abstand zu halten und eine Maske zu tragen schützt also jeden Einzelnen vor dem Virus. Aber wenn es so einfach wäre, müsste die Pandemie ja durch den massiven Lockdown im Frühjahr beendet gewesen sein. Hier stoßen aber zwei Tatsachen aufeinander, die die Situation erschweren. Die eine Tatsache ist der verständliche Wunsch gesund zu bleiben und die andere Tatsache ist, das wir in unserer ureigensten Natur eben soziale Wesen sind. Wir können nicht in einem Vakuum funktionieren (Schramme 2014:565-571). Wir brauchen Menschen um uns, um überhaupt überleben zu können. Es ist dabei nicht wesentlich, ob Menschen im Alltag per se viele oder wenige tägliche Kontakte haben. Jeder Kontakt der wegfällt, ist einer zu viel. Besonders für Menschen mit bestehenden psychologischen Problemen ist jede Art von Kontaktabbruch, insbesondere zu Therapeuten und Menschen in Selbsthilfegruppen entsetzlich, und kann lebensbedrohend sein. Überhaupt stellt sich die Frage ob hier nicht tatsächlich etwas falsch verstanden worden ist. Der Begriff ‘social distancing’ hatte sich derart schnell in den Köpfen der Menschen festgesetzt, dass ein Umdenken und Umverstehen kaum mehr möglich war. Soziale Distanz heisst aber etwas fundamental anderes als physische Distanz. Soziale Distanz impliziert dass zwischenmenschliche Kommunikation nicht mehr möglich ist und aufgegeben werden sollte. Das Bild der sozialen Distanz sind zwei Menschen die durch eine Mauer getrennt, mit dem Rücken zueinander stehen. Das Bild der physischen Distanz könnte auf die Mauer verzichten und würde zwei Menschen zeigen, die, wenn auch auf Distanz, einander zugewandt sind.
Diese Zugewandt-Sein ist es, was uns in der Zwischenzeit als Gesellschaft fehlt. Man hat den Eindruck, dass es tatsächlich mit dem Begriff des Social Distancing aus den Köpfen verschwunden ist. Was diese Lücke hinterlassen hat, lässt den Weg offen in eine psychische Labilität und weiterführend in eine mögliche psychische Erkrankung aller von der Pandemie betroffenen Menschen. Durch die Länge der Pandemie und der damit assoziierten Maßnahmen, muss davon ausgegangen werden, dass es, wie bereits bei anderen Naturkatastrophen oder terroristischen Einschlägen davor, zu einer steigenden Zahl von Patienten mit Diagnosen wie Depression, Angstzuständen oder tatsächlich mit PTBS, also einer Posttraumatischen Belastungsstörung kommen wird (Galea et. al. 2020: 817f.). Diese Diagnosen sind einerseits nicht leicht zu stellen, da sie mit sehr unterschiedlichen Symptomen einhergehen, und andererseits ist die Stellung der Diagnose nur ein erster kleiner Schritt zu einer Therapie und möglichen Heilung.(Rentzsch/Schütz 2009). Diese ‘Pandemie’ der psychischen Erkrankungen wird die Welt in der Zeit nach einem Abklingen der Covid19 Pandemie in Atem halten. Allerdings wird diese Pandemie still und leise sein. Psychische Krankheiten haben in den meisten Ländern kaum eine Lobby. Therapieplätze sind rar und schwer zu bekommen und schon allein der Weg zu einer Diagnose ist lang und beschwerlich. Allerdings sind psychische Krankheiten ein grosser gesellschaftsbestimmender Faktor. Wenn man davon ausgehen muss, dass die Anzahl derer die auch schwer psychisch erkrankt, aus dieser Pandemie hervorgehen, beträchtlich steigen wird, dann betrifft dass alle Bereiche der Gesellschaft gleichermassen, denn die Möglichkeit sich normal am gesellschaftlichen Leben zu beteiligen, sinkt mit zunehmender Schwere der Krankheit (WHO 2020).
Auch und gerade Kinder und Jugendliche werden schwer von den Folgen der Pandemie betroffen sein. Obwohl sie selber nicht Treiber der Pandemie sind, sind doch sie es, die mit am meisten auf ein funktionierendes soziales Netzwerk angewiesen sind. Fällt dieses Netzwerk abrupt, und dann auch noch auf lange Zeit, weg oder wird zum mindesten massiv eingeschränkt, dann müssen die Familien schon sehr stressresistent und belastbar sein, um den Verlust aufzufangen. Dies sind aber die meisten Familien, besonders in der westlichen Welt, nicht. In den meisten Familien müssen beide Elternteile sowohl ihre familiären Verpflichtungen als auch ihren Beruf unter einen Hut bringen. Das alleine führt schon zu Stress und dem darauf angewiesen sein, dass auch Kinder einwandfrei funktionieren. Da dies schon im Normalfall kaum gegeben ist, verschärft sich die Situation durch Covid19 in das fast Unermessliche und die eigentlichen Langzeitschäden werden wir erst in Jahrzehnten wirklich beurteilen können.
Naturkatastrophen greifen immer und zu jeder Zeit in den Lebensablauf ein. Der Mensch, gerade als soziales Wesen und in der Gemeinschaft, hat eine Resilienz gegen die Folgen von Naturkatastrophen entwickelt. Allerdings ist diese Resilienz weder auf eine globale Katastrophe ausgerichtet, da ein Fliehen vor der Gefahr unmöglich ist, noch muss sie im Normalfall über Monate aufrecht erhalten werden. Noch muss man sie getrennt von anderen entwickeln.
Die Frage bleibt also, welche Maßnahmen ergriffen werden können und müssen, nicht um uns vor Covid19 zu beschützen, sondern um unser aller psychische Gesundheit zu schützen?

Bibliographie:

Aristoteles. Politics. http://www.perseus.tufts.edu/hopper/text?doc=Perseus:text:1999.01.0058:book=1:section=1253a. Zuletzt abgerufen im März 2021.

Galea S, Merchant RM, Lurie N. The Mental Health Consequences of COVID-19 and Physical Distancing: The Need for Prevention and Early Intervention. in JAMA Intern Med. 2020;180(6):817–818.

Platon. Phaidon. Philosophische Bibliothek. Felix Meiner Verlag Hamburg, 2007.

Rentzsch, Katrin, Schütz, Astrid. Psychologische Diagnostik: Grundlagen und Anwendungsperspektiven. Grundriss der Psychologie, Band 16. Kohlhammer und Urban Taschenbücher. 2009

Schramme, Thomas. Christopher Boorse and the Philosophy of Medicine. in Journals of Medicine and Philosophy, 39: 565-571, 2014.

WHO Mental Health. https://www.who.int/health-topics/mental-health#tab=tab_1. Last accessed on November 30, 2020.

Published by the medical philosopher

I am a philosopher of science with the main focus on philosophy of medicine. I write about evidence based medicine, medical research versus medical practice, ethics in medicine and why medicine needs to be patient centred and how we can achieve that.

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